Donnerstag, 5. November 2015

Noch'n Gedicht

Lange gesucht und dann schließlich von Bärbel in Berlin wieder gefunden,für mich eine der stimmigsten Schallplatten,die es gibt."Jazz und Lyrik" mit den Gedichten von Gottfried Benn.Interpretiert-gelesen von Gert Westphal mit der Musik der Jazz-Ikonen J.J.Johnson und Dave Brubeck.


Daraus heute ein besonderes Stück Deutscher Dichtung:

Destille

I

Schäbig;abends Destille
in Zwang,in Trieb,in Flucht
Trunk - Doch was ist Wille
gegen Verklärungssucht.

Wenn man die Seele sichtet,
Potenz und Potenzial,
den Blick aufs Ganze gerichtet;
katastrophal!

Natürlich sitzen in Stuben
Gelehrte zart und matt
und machen aus Tintentuben
ihre Pandekten satt,

natürlich bauten sie Dome
dreihundert Jahre ein Stück
wissend,im Zeitenstrome
bröckelt der Stein zurück,

es ist nicht zu begreifen,
was hatten sie für Substanz,
wissend,die Zeiten schleifen
Turm,Rose,Krypta,Monstranz,

vorbei,a bas,und nieder
die große Konfession
a bas ins Hühnergefieder
konformer Konvention-

abends in Destillen
verzagt,verjagt,verflucht
so vieles muß sich stillen
im Trunk Verklärungssucht.

II

Es gibt Melodien und Lieder,
die bestimmte Rhythmen betreut,
die schlagen dein Inneres nieder
und du bist am Boden bis neun.

Meist nachts und du bist schon lange
in vagem Säusel und nickst
zu fremder Gäste Belange,
durch die du in Leben blickst.

Und diese Leben sind trübe,
so trübe,du würdest dich freun,
wenn ewig Rhythmenschübe
und du bliebest am Boden bis neun.

III

Ich erlebe vor allem Flaschen
und abends etwas Funk,
es sind die lauen und laschen
Stunden der Dämmerung.

"Du mußt dich noch errichten
empor und hochgesinnt!"
"Ich erfülle meine Pflichten,
wo sie vorhanden sind."

Mir wurde nichts erlassen,
Tode und oft kein Bett,
ich mußte mit Trebern prassen
im zerrissnen Jackett.

Doch nun ist Schluß,ich glühe
von Magma und von Kern,
von Vor-Quartär und Frühe
wort-,schrift-,und kupferfern,

ich lasse mich überraschen,
Versöhnung - und ich verzieh:
aus Fusel,Funk und Flaschen
die Neunte Symphonie.

IV

Ich will mich nicht erwähnen,
doch fällt mir manchmal ein
zwischen Fässern und Hähnen
eine Art von Kunstverein.

Die haben etwas errichtet,
eine Aula mit Schalmei,
da wird gespielt und gedichtet,
was längst vorbei.

Ich lasse mich zerfallen,
ich bleibe dem Ende nah,
dann steht zwischen Trümmern und Ballen
eine tiefe Stunde da.













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